Beliebter Wahlkampfslogan: "Freiheit statt Sozialismus"

„Freiheit statt Sozialismus“ – Kampfslogan #3

Mit Einschränkungen könnte man unserem heutigen Kampfslogan ein Fünkchen Wahrheit unterstellen. Wenn man den „real existierenden Sozialismus“ bis 1989 betrachtet und glaubt, dass die DDR ein sozialistischer Staat war, ist die Parole „Freiheit statt Sozialismus“ gar nicht so falsch. Intellektuell jedoch ist sie nahezu eine Beleidigung oder Ausdruck fehlender Bildung. Denn im Sozialismus – man kann über seine Praktizierbarkeit munter streiten – ist die Freiheit ein wesentliches Element.

Helmut Kohls Wahlkampfmotto im Jahr 1976

Beliebter Wahlkampfslogan: "Freiheit statt Sozialismus"

Beliebter Wahlkampfslogan: "Freiheit statt Sozialismus"

Schon wieder landen wir bei Helmut Kohl, der bereits mutmaßlicher Schöpfer unseres letzten Kampfslogans war. Vermutlich fördert starke Slogan-Produktion die Politkarriere, wobei sein Stellvertreter Alfred Dregger offenbar der eigentliche Slogan-Erfinder war. Der Begriff „Kampf“ ist hier absolut angebracht, denn wir befinden uns im Bundestagswahlkampf 1976, als Helmut Kohl zum ersten Mal gegen Schmidts sozialliberale Koalition antrat. Dass indirekt auch der FDP „Sozialismus“ vorgeworfen wurde, zeigt, dass die Liberalen der 1970er Jahre eine andere Partei waren, wenn auch gewiss keine sozialistische. Auch dass Guido Westerwelle diesen Slogan, der sich einst gegen seine eigene Partei richtete, in den 2000er Jahren adoptierte, zeugt von einem tiefen Wandel in der FDP. Dazu mehr im weiteren Verlauf des Artikels.

Der vollständige Slogan, der in diesem Jahr 35jähriges Jubiläum feiert, lautete: „Aus Liebe zu Deutschland: Freiheit statt Sozialismus“. Dass darunter das CDU-Logo mit dem Schlagwort „sozial“ prangte, galt in der damaligen Zeit noch nicht als Widerspruch. Verglichen mit der heutigen Zeit war die CDU der 1970er Jahre eine sozial orientierte Partei und die Warnungen vor dem „Sozialismus“ sollten weniger auf zu hohe Sozialleistungen hinweisen. Viel eher war der Kampfslogan gekennzeichnet durch die Rhetorik des Kalten Krieges. Die West/Ost-Verständigung, die Jahre zuvor unter Willy Brandt einsetzte, war der Opposition ein Dorn im Auge und der Slogan sollte die damalige Bundesregierung in die sozialistische Schmuddelecke rücken. Offenbar nicht ganz ohne Erfolg, denn Helmut Kohls Union schrammte bei der Wahl mit 48,6 Prozent nur haarscharf an der absoluten Mehrheit vorbei.

„Freiheit statt Sozialismus“ reloaded

Wer glaubt, dass „Freiheit statt Sozialismus“ nach dem Wahlkampf 1976 nicht mehr zündete, irrt. Selbst nachdem sich das Problem mit dem „real existierenden Sozialismus“ 1989 erledigte, wurde Kohls Slogan noch unzählige Male verwendet – wenn auch mit wechselnder Bedeutung. Doch zunächst gab es mit „Freiheit statt Strauss“ im Wahlkampf 1980, als Franz-Josef Strauss Kanzlerkandidat der Union war, einen Konter-Slogan von Klaus Staeck und weiteren Künstlern. Die CDU auf der anderen Seite hatte in diesem Jahr ihre Sozialismus-Phobie noch nicht verarbeitet. Zwei leicht abgewandeltes Slogans bestimmten den Wahlkampf dieser Partei:

  • Mit Optimismus gegen Sozialismus
  • Den Sozialismus stoppen – CDU wählen

Ob auch mitgeteilt wurde, welcher Sozialismus in der alten Bundesrepublik gestoppt werden sollte, lässt sich nicht mehr einwandfrei klären. Unser Kampfslogan wiederum feierte vor allem zum Ende des ersten Jahrzehnts dieses Jahrtausends ein Comeback und es war – wie schon angesprochen – ausgerechnet die FDP, die ihn wieder ausgrub. „Westerwelle konnte nicht widerstehen“ heißt es dazu in einem Artikel aus dem Jahr 2007. Seitdem steht der Slogan aus FDP-Sicht für den Kampf gegen alles (vermeintlich) Linke im Lande. Auch der kurzzeitige CSU-Vorsitzende Erwin Huber erwog für den Bundestagswahlkampf 2009 ein Comeback des 70er Jahre-Slogans. Bevor er jedoch den Kampf gegen den Sozialismus beginnen konnte, musste er zurücktreten.

„Freiheit statt“-Slogans haben Hochkonjunktur

Ableitende Slogans, die mit „Freiheit statt“ beginnen, haben Hochkonjunktur. Prominente Beispiele sind die Kampagne gegen Überwachung „Freiheit statt Angst“ sowie der Buchtitel von Sahra Wagenknecht „Freiheit statt Kapitalismus“. Slogans, um die wir uns in den nächsten 49 Wochen eventuell auch noch kümmern.

von Jan am mit 8 Kommentaren

8 Responses to “„Freiheit statt Sozialismus“ – Kampfslogan #3”

  1. Wolf
    11:40 am 14. November 2011

    Freiheit mit Sozialismus gleichzusetzen ist viel eher ein Ausdruck mangelnder Bildung als diese beiden Begriffe gegeneinander zu setzen. Mag man in der Theorie sich auch einen Sozialismus erträumen, in dem Freiheit und Gerechtigkeit herrscht, die praktische Umsetzung des Sozialismus bedeutete jedoch immer nur Unfreiheit und Leid. Der erste in Deutschland praktizierte Sozialismus war der Nationalsozialismus. Die NSDAP als Partei des kleinen Mannes verstand es einwandfrei der SPD und der KPD die Themen zu klauen und Deutschland in die nächste Katastrophe nach dem 1. WK zu stürzen. Nachdem das geklärt war wurde zum zweiten Mal Sozialismus ausprobiert, diesmal der ursprüngliche rote Sozialismus als Vorstufe zum Kommunismus. Das dieser Sozialismus in den Ostblockstaaten erst 1990 und nicht schon 1953, 1956 oder 1968 scheiterte ist letztlich nur dem kalten Krieg ansich und den eigennützigen Interessen der Sowjetunion geschuldet. Und heute wird der Sozialismus des 21. Jahrhunderts in Ländern wie Kuba oder Venezuela propagiert, indem man sich vollkommen undifferenziert gegen den Westen und Amerika oder Israel stellt und konsequenterweise mit Regimen wie dem Iran oder Nordkorea verbunden ist. Gerade was Israel betrifft, wird ein linker Antisemitismus zur Schau gestellt, wo wir dann wieder die Brücke zum Nationalsozialismus gebaut haben. Herzlichen Glückwunsch!

  2. Jan
    17:59 am 14. November 2011

    Eine sehr wackelige Brücke, lieber Wolf. Aber darauf will ich gar nicht vertieft eingehen, genauso wenig auf die von Altkonservativen immer wieder gerne gebrachte abstruse Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Sozialismus. Provokationen dieser Sorte zünden nicht mehr.
    Interessant ist, dass es bis jetzt nur zwei Modelle gab, die sich zu Recht als sozialistische betrachten durften: Der Prager Frühling und die Regierungszeit unter Salvador Allende in Chile. Beide Ansätze waren sowohl den Sowjets als auch den Amerikanern ein Dorn im Auge und wurden jeweils mit Gewalt unterdrückt und durch Diktaturen ersetzt. Ich fürchte, dass der Sozialismus in dieser Welt keine starke Lobby hat, weil er weder von kapitalistisch noch von kommunistisch geprägten Diktaturen geduldet wird.

  3. Wolf
    16:03 am 15. November 2011

    Tja da haben wir beide eben sehr unterschiedliche Vorstellungen des Sozialismus. Ich zumindest habe ein wenig Erfahrung. Ich kenne den theoretischen Ansatz und dessen praktische Umsetzung zumindest des einen Sozialismus. Scheint ja eine wahre Mannigfaltigkeit des Begriffs zu existieren. Ich setze natürlich den NS keineswegs mit dem DDR-S gleich, aber da kannst du auf- und niederhüpfen – die Nazis betrachteten sich als Sozialisten und wurden von den Kommunisten in der Weimarer Republik nur deshalb als „Faschisten“ bezeichnet, weil man sonst keine Abgrenzungskriterien gefunden hatte. Die Ähnlichkeiten zwischen NSDAP und KPD waren ja so frappierend, dass es mehr Unterschiede zu den Faschisten in Italien gab, was wiederum eine Gleichsetzung des NS mit dem F äußerst fraglich erscheinen lässt, auch wenn die Italiener später dann die Verbündeten waren.
    Du wiederum siehst das mit ner Art rosa-roten Hippiebrille, was ja grundsätzlich nicht verkehrt ist, jedoch würdest du damit selbst bei der Linkspartei nicht sehr weit kommen (nehm ich an).

  4. Jan
    16:39 am 15. November 2011

    Du glaubst offenbar, dass die DDR sozialistisch war, weil sie sich so nannte. Demzufolge müsstest Du auch der Meinung sein, dass die DDR demokratisch war.
    Jede Diktatur betreibt in ihrer Propaganda Etikettenschwindel.
    Zugegebenerweise ist dadurch der Begriff „Sozialismus“ stark belastet. Vielleicht wäre ein neues Label angebracht…

    Während ich alles mit der rosa-roten Hippiebrille sehe, scheinst Du Opfer einer quälenden Phobie zu sein. Allerdings bestehe ich persönlich gar nicht auf den maximalen Sozialismus. Kleine Schritte, die uns wieder zu einer sozialen Marktwirtschaft führen, würden mir reichen. Der in den letzten Jahren ausufernde Kapitalismus ist kein Zukunftsmodell. Vor allem brauchen wir global betrachtet aufgrund von ökologischen Problemen, zunehmender Ressourcenknappheit und Bevölkerungszunahme Lösungen fernab der puren Marktwirtschaft, hin zu einer gerechten Verteilung.

  5. Jan
    16:41 am 15. November 2011

    PS: Sehr gut, dass Du bzgl. der Linkspartei den Konjunktiv verwendest. Ich genieße immer noch das unschätzbare Privileg, mich keiner Parteilinie unterordnen zu müssen. ;-)

  6. Wolf
    16:12 am 17. November 2011

    Der Form halber: Ich schrieb „..würdest du damit selbst bei der Linkspartei..“, das ist wie ich finde sehr konjunktiv formuliert ;)
    Irgendwo kann ich deine Argumente ja nachvollziehen. Doch leider wird das nicht klappen mit dem Sozialismus, so wie du ihn willst. Die DDR war nach eigener Darstellung ein sozialistischer Staat und innerhalb enger Grenzen sogar ein wenig demokratisch. Aber der Sozialismus war die absolute politische Maxime, die schon in der Schule ab der 1. Klasse den Kindern indoktriniert wurde. Alle Menschen, die im Sozialismus lebten, waren die glücklichsten der Welt und irgendwann, so hieß es jedenfalls in den Schulbüchern, würden dass die werktätigen Massen in der BRD und der kapitalistisch-rückschrittlichen Welt auch noch kapieren. Die Mauer wurde gebaut, damit imperialistische Agenten nicht die Früchte der Arbeit des Volkes der DDR sabotieren können. Und wer West-Fernsehen schaut, der kann ja sowieso nur unterbelichtet sein. All dies stand im krassen Gegensatz zur Lebenswirklichkeit in der DDR. Leider haben die Menschen im „Westen“ das nicht mitbekommen und heute erinnert sich so gut wie keiner mehr an die Zustände von einst. Ich frage mich zum Beispiel, warum Dutschke und die ganze 68iger-Bewegung bis hin zur RAF, das faschistische Schweine-System der BRD trotz aller Umstände und eingebildeter Verfolgung nicht gen Osten verlassen wollten? Naja, im VEB KONSUM gabs halt keinen Cognac…

  7. Jan
    16:58 am 22. November 2011

    Dass Du meine Argumente nachvollziehen kannst, hat mich sehr nachdenklich gemacht.
    Ernsthaft, mein Standpunkt und mein Verständnis von Sozialismus – im Gegensatz zum DDR-System – ist, so denke ich, angekommen.
    Der Artikel hat übrigens nicht die Intention, Sozialismus als Mustersystem zu propagieren, zumal ich an eine Praktizierbarkeit in Deutschland selbst nicht glaube. Es geht darum, die Absurdität des Slogans „Freiheit statt Sozialismus“ zu durchleuchten. Der praktizierte sog. „real existierende Sozialismus“ ist da irrelevant.

    Meine politischen Ergüsse gibt es künftig auf dieser Seite.

  8. Kevin
    13:33 am 23. Dezember 2011

    Zum Thema Sozialismus bleibt für mich abschließend festzuhalten das nicht alles in der DDR so toll war wie es manche noch behaupten, jedoch ist auch klar dass wir (ja ich bin im „Osten“ geboren und Lebe auch da/hier [und das sogar ziemlich gern]) damals zum Beispiel eine bedeutend besseres Gesundheitssystem hatten als heute. Den das jetzige ist ja nun wohl in jeglicher Beziehung absolut herunter Reformiert wurden.
    Meine Meinung zur Politik allgemein und was wir als Bürger gemeinschaftlich nun endlich mal machen sollten hin zur wirklichen vorzeigbaren echten Demokratie, kann man auf meiner Aktualisierungsmöglichen Internetseite http://www.deutschesbuergerbegehren.jimdo.de nachlesen oder auf die Domainregistrierte Seite (die also auch von Suchmaschinen gefunden wird [so ich hoffe] ) http://www.deutschesbuergerbegehren.de . Die genaue Jimdoseite findet nur der Internetexplorer. Also falls Sie Interesse haben sollten sich zu engagieren; einfach die Jimdoadresse kopieren und bei dem Browser Internet Explorer einfügen. Wobei es auch einen Link bei der Domainregistrierte Seite zu der Jimdoseite gibt.